Wandzeitung, Zeitungsleser in Kunming, China
Deutsche Frauen in Rotchina

Maos bessere Hälfte

Es war ein Schock für beide Seiten: Kurz nach Maos Kulturrevolution reiste Stefanie Ritter nach China. Dort, so hieß es, sei die Emanzipation schon viel weiter als in Deutschland. Doch der Minirock der Deutschen brüskierte die Genossinnen - die sich lächelnd für die Parteiführung sterilisieren ließen.

Es war kein gutes Zeichen, dass die Chinesin das Hotel anspuckte. Mitten in Peking stand der monströse Kasten und galt 1977 als schick, sozialistisch und modern. Drinnen, in den oberen Stockwerken, hatten wir einen freien Blick über die Hütten, die sich um das Gebäude drängten – die schmucklosen Unterkünfte von Erdbebenopfern, die schnell ein neues Dach über dem Kopf gebraucht hatten. Wir waren im Herzen von Maos Reich – und weich gelandet: Freundliche Hände trugen unsere Koffer über den Marmorboden, lächelnde Gesichter servierten uns mehrmals täglich ausgefallene Menüs. Und dann war da auf einmal diese Passantin, schon etwas betagt, und spuckte voller Wut auf das Haus, in dem wir wohnten.

Wir waren nicht zum Vergnügen hier. Zwei Jahre hatten die Vorbereitungen gedauert, bis wir - die erste Frauengruppe aus der Bundesrepublik - China besuchten. Viele Briefe und Gespräche mit der chinesischen Botschaft waren nötig gewesen. So hatten wir gezeigt, dass wir die Fortschritte des chinesischen Sozialismus aufmerksam verfolgten, und hatten unsere Sympathien für die Lehre des Großen Vorsitzenden Mao unter Beweis gestellt. Einfach war das nicht gewesen: Niemand von uns gehörte einer Kaderorganisation an. Uns verband die Suche nach neuen Lebensformen, die freier, menschlicher und gleichberechtigter sein sollten; uns trieb die Auflehnung gegen den bürgerlichen Mief. Wir hatten die abschätzigen Blicke satt, die man in Westdeutschland erntete, wenn man als unverheiratete Frau alleine eine Wohnung suchte. Wir fanden es nicht länger normal, wenn der eigene Chef empört wissen wollte, was das denn zu Hause, beim Abheben des Telefons, für eine Männerstimme gewesen sei.

Im sozialistischen Osten, entnahmen wir der linken Literatur, war man mit der Emanzipation schon weiter. In der DDR, in der Sowjetunion glänzte das linke Idealbild jedoch nicht ohne Kratzer: Die deutsch-deutsche Nähe erlaubte Einblicke in einen eher beklemmenden Alltag hinter dem Eisernen Vorhang. Anders im fernen China. Dort, so lasen wir, siegte das Kollektiv über den bourgeoisen Chauvinismus, arbeiteten die Genossinnen gleichberechtigt, Seite an Seite mit ihren männlichen Mitstreitern, an der Herrschaft der Volksmassen. Ein einflussreicher linker Bestseller, der zu unserer Pflichtlektüre gehörte, brachte es schon im Titel auf den Punkt: In China gehörte den Frauen “die Hälfte des Himmels”. Wir reisten an, um zu lernen.

Kulturschock

Nun, in Peking angekommen, wich der Lehrplan ein bisschen vom Erwarteten ab. Die Sache mit dem Luxushotel war angenehm, aber die goldenen Deckenleuchter in der Vorhalle waren wahrlich kein revolutionärer Schlag in die Fratze der Bourgeoisie. Die zum Kühlen der Gesichter gereichten Waschlappen auch nicht. Alles wurde uns von Bediensteten hinterhergetragen. Man musste sich um nichts kümmern, nichts konnte man verlieren. Oder wegwerfen. Eine von uns hatte beispielsweise ihre Monatsbinde fein säuberlich verpackt im Hotelpapierkorb entsorgt. Als wir die Stadt verließen und am Bahnhof den Zug bestiegen, erschien dort ein Bote und übergab ihr mit höflicher Verbeugung ein kleines Paket. Perfekte Betreuung kann auch zum Problem werden.

Wo wir erschienen, erregten wir Aufsehen. Während uns die Chinesen auf den Straßen in Einheitskleidung begegneten – in weißem Hemd mit blauer Mao-Hose, die Männer genauso wie die Frauen –, stachen wir mit bunten Blusen und kurzen Röcken heraus. Ein besonders merkwürdiger Anblick für die Menschentrauben, die sich überall um uns sammelten: hohe, enge Schnürstiefel. Wir dachten, das sei schick, und stiefelten ins Fettnäpfchen. Denn in China war es früher üblich, Frauen die Füße einzubinden. Das hinderte die Füße am Wachstum und ließ sie zu kleinen Stumpen verkrüppeln – zur Luststeigerung der Männer. Mädchen und Frauen konnten nur noch mit winzigen Schritten trippeln, was als erotisch galt und angeblich ihre Vagina verkleinerte. Welche Assoziationen unsere italienischen Schnürstiefel da womöglich auslösten, wurde uns erst allmählich klar. Die kleinen, verwachsenen “Lotus-Füße” jedenfalls sah man nur noch selten, bei alten Frauen. Der grausame Brauch war als Auswuchs des “alten Chinas” längst verboten.

Lustvoll am Klavier

Um die Befreiung der Frau – sexuell und bei der Familienplanung – schien es gut bestellt, so unser erster Eindruck. In einem Krankenhaus wohnten wir der Sterilisation einer 37-jährigen Frau bei, die augenscheinlich bester Laune war, jedenfalls beständig lächelte. Sie war bereits Mutter von zwei Kindern, und es war Wunsch der Partei, dass eine Frau nicht mehr als zwei Kinder bekommt. Uns erschien ein solcher Eingriff als begrüßenswerte Errungenschaft – die Überwindung des Gebärzwangs. In Erstaunen versetzte uns vor allem, dass die Ärztin ihre Patientin nur lokal per Akupunktur betäubte, mit nichts als zwei langen Nadeln im Bauch. Während der OP unterhielt sich die Patientin angeregt mit der Krankenschwester, noch immer lächelnd, und stand anschließend auf, um gehend den Saal zu verlassen. Wir waren beeindruckt.

Auch außerhalb des Krankenhauses entdeckten wir die Zeichen des Fortschritts. So war die Antibaby-Pille überall kostenlos zu haben. Davon überzeugen konnten wir uns in einer typischen Sanitätsstation: Sie war mit drei älteren Frauen besetzt – Hausfrauen und pensionierten Fabrikarbeiterinnen, deren Hauptaufgabe die Familienplanung der Nachbarschaft war. Ein Schälchen mit Pillen stand auf dem Tisch. Ob auch junge, unverheiratete Frauen sich die Pille abholen könnten? Die drei kicherten verschämt, hinter vorgehaltenem Fächer wurde getuschelt. Nein, sagte eine, voreheliche oder gar wechselnde Beziehungen seien außerordentlich selten. “Junge Chinesinnen leben nicht nur für ihr Vergnügen.” Als wir nachfragten, führte sie aus, ihre Tochter spiele mit Leidenschaft Klavier, das genüge, sie zu befriedigen.

Das Kollektiv ist alles

Nicht alles war also restlos progressiv in China. Wir besuchten einige Familien, deren Häuser im traditionellen Peking-Stil gebaut waren: einstöckig, die Wohnungen im Quarree angeordnet um einen gemeinsamen Innenhof. Noch während wir die überall offenen Türen, das Gemeinschaftsleben, die gemeinsame Nutzung der Küchen bewunderten, mussten wir erfahren, dass die Bewohner unsere Begeisterung nicht teilten und wohl lieber eine Küche für sich allein gehabt hätten. Bei Neubauten wurden inzwischen vollständige, abgeschlossene Einheiten für Kleinfamilien geschaffen. Was für uns mit kleinbürgerlichem Mief behaftet war und durch Wohngemeinschaften und Kommune gerade überwunden werden sollte, schien unseren chinesischen Gesprächspartnern als willkommener Rückzugsraum.

Manchmal waren die Bedürfnisse auch umgekehrt verteilt: Etwas weniger Kollektiv hätten wir uns zum Beispiel auf den öffentlichen Toiletten gewünscht. Türen und Trennwände fehlten, im Großraum des Sammel-WCs herrschte freie Sicht in jede Richtung.

Kulturelle Irritationen wie diese begleiteten unsere Reise. Mit schöner Regelmäßigkeit gerieten Begrüßungskomitees darüber in Verwirrung, dass in unserer Gruppe kein männlicher Ansprechpartner zu finden war. In ihrer Not wandten sie sich stets an diejenige unter uns, die ihnen dank kurzer Haare und flachen Busens am männlichsten erschien.

Großen Kummer machten den chinesischen Organisatoren auch unsere zahlreichen Einzel- und Sonderwünsche. Spontaneität war ein echtes Problem: Tagelang lagen wir unseren Dolmetscherinnen in den Ohren, bei der sommerlichen Hitze doch einmal eine Runde schwimmen zu gehen. Als sie nach vielen Versuchen schließlich einlenkten, brachten sie uns zu einem malerischen See, umgeben von Bergen, wo uns mehrere Hundert Chinesen höflich applaudierend begrüßten. Rote Fahnen schmückten den Steg. Etliche Chinesinnen zogen im kühlen Wasser schon ihre Bahnen und leisteten uns Gesellschaft. Diese Frauen, die Rettungsschwimmerinnen, wurden von einer Flotte von fünf Booten unterstützt, die uns nicht von der Seite wich. Wir hatten trotzdem genug Platz, schließlich war der Badesee für uns vollständig geräumt worden.

Schulung der Gedanken

Der Wille des Kollektivs hatte Vorrang, und das nicht nur bei der Sperrung eines Sees für ausländische Gäste. In einem Heim für ledige Frauen in Kanton trafen wir Frau Liu, Studentin an der Arbeiterhochschule und 23 Jahre alt. Klipp und klar erklärte sie uns, dass im sozialistischen China in ihrem Alter noch nicht geheiratet wird. Lernen sei wichtiger.

“Einige können das jedoch nicht gut verstehen und nicht praktizieren”, erzählte sie, “sie sind früh verliebt. Mit diesen Frauen müssen wir politische Schulungen durchführen, damit sie die gleichen Gedanken haben wie wir.” In ihrem kleinen Zimmer, das sie sich mit einer anderen jungen Frau teilte, lehnten neben der Tür zwei Fahrräder, ein Plastikvorhang verdeckte die Kleidung, als Wandschmuck hatten die Beiden Parteiplakate und ein Bild von Mao aufgehängt. “Jetzt mache ich Jugendverbandsarbeit. Ich bin Kaderin geworden durch die Erziehung der Führung, durch das Vertrauen der Volksmassen und durch meinen eigenen Fleiß”, sagte Frau Liu. Die Fenster ihres Zimmers waren vergittert, Erdgeschoss, erklärte uns ihre Zimmergenossin, aus Sicherheitsgründen.

In den Worten von Frau Liu, der Kaderfrau, hallten die Parteiparolen nach, die draußen von Lautsprechermasten über die öffentlichen Plätze schallten. Die Sprache des sozialistischen Aufbaus war allgegenwärtig, und auch die Frauen hatten darin ihren Platz. “Jetzt werden wir uns im Flug erheben, ja wir werden uns endlich befreien”, sangen sie in Liedern der Partei, und Schülerinnen skandierten:

Der Block der Mädchen bietet die Stirn den Gewalten, unbeugsamen Willens, und für die Partei ertönt ihr Gesang: Niemals zurück, bis der Reis zur Ernte bereit!

Blick auf die Hälfte des Himmels

Dort, bei der Reisernte, arbeiteten sie Seite an Seite mit ihren männlichen Mitstreitern, im Dienste der Volksmassen, gleichberechtigt, für den selben Lohn wie die Männer. Abzüglich 20 Prozent. Wegen der Zeiten, in denen sie ihre Periode hatten und nicht so hart arbeiten konnten, erklärte man uns.

Wir Besucherinnen aus Deutschland nahmen es hin. Wir waren gekommen, um zu lernen, und wir hatten Verständnis für die Bedingungen, für die Begründungen, für die Erklärungen unserer Mentoren. Wir hatten erkannt: Frauenemanzipation und Revolution gingen Hand in Hand, Großes war in China geleistet worden. Einen kurzen, kostbaren Einblick hatten wir auf unserer Reise erheischen können, einen Blick auf die Hälfte des Himmels.

Nur manchmal, später, wenn wir zurückdachten an den Besuch in China, befiel uns ein leises, seltsames Unbehagen. Vielleicht ging in diesem Moment eine ältere Frau in Peking an dem Hotel der Partei vorbei, dem monströsen Kasten, in dem die goldenen Kronleuchter hingen. Und spuckte darauf.

Stefanie Ritter ist Künstlerin und Fotografin in Hamburg. Über ihre Arbeit informiert www.atelier-stefanie-ritter.de. In China drehte sie einen Dokumentarfilm über die Reise der deutschen Frauengruppe und deren Begegnungen vor Ort.

Text aufgezeichnet von Michael Heim.


Der Text ist bei Spiegel Online erschienen, der Link funktioniert jedoch leider nicht mehr. Die Fotos zum Artikel sind dort aber noch zu sehen. Alternativ finden Sie Text und Fotos auch bei archive.org.